Auf der Fährte der Königskobra

Nie hätte ich gedacht, dass wir morgen schon wieder Zakynthos verlassen werden, aber dieses Angebot von unserem neuen Gönner Danny konnten wir einfach nicht ausschlagen. Der Abschied von hier fällt uns auch deshalb nicht schwer, weil die von der Reiseleitung geplanten Ausflüge, so wie es aussieht, die nächsten Tage wegen Benzinmangel ins Wasser fallen werden. In ganz Griechenland sind nämlich die Tanklasterfahrer in Streik getreten, was zur Folge hat, dass es an den Tankstellen kein Benzin mehr zu kaufen gibt. So wie es heißt, ist auch kein Ende abzusehen.

Um uns trotzdem einen schönen Tag zu bescheren, haben wir auch hier wieder einmal Fahrräder geliehen und uns auf den Weg in den Hauptort von Zakynthos gemacht. „Zakynthos Stadt“ liegt an einem Hügel und ist von der Form her angelegt wie ein antikes Theater. Kaum hatte Finn die alte Zitadelle auf dem Hügel entdeckt, wollte er auch gleich hinauf. Ich verstehe ja seine Begeisterung für schöne Blicke, aber noch hatte ich keine Lust dazu. Also haben wir uns erst einmal einen Bummel durch die engen Gassen der Stadt gemacht. Dabei fiel mir eine Boutique auf, die in ihrem Fenster einige wirklich schicke Klamotten  anbot. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen! Finn musste mich aber gleich damit aufziehen, dass ich mich wohl für Danny aufbrezeln will. Bestimmt ist er immer noch wegen gestern etwas verstimmt, als ich mit unserer neuen Bekanntschaft im Wasser verschwunden bin. Aber er soll sich mal nicht so haben, schließlich hat er meinem Wettschwimmen eine Reise nach Saba zu verdanken.

Ich habe mir dann ein wunderbar leichtes und  toll geschnittenes, ärmelloses gelbes Sommerkleid zugelegt, dass auch Finns außerordentliche Zustimmung fand.

Nach einem kleinen Imbiss, erstiegen wir auf engen Wegen, von denen man einen herrlichen Panoramablick auf die Stadt, den Hafen und das Wasser hatte, die Anhöhe die hinter der Stadt liegt und schauten uns die Ruinen des venezianischen Schlosses an. Ich nehme mal an, dass dieses  alte Gemäuer schon viel früher und nicht erst vom Erdbeben zerstört wurde, das 1953 fast die ganze Stadt vernichtet hat.

Beim Abstieg habe ich mir dummer Weise meinen Fuß verstaucht, sodass ich bis zu unseren unten abgestellten Fahrrädern humpeln musste. Eigentlich wollten wir uns jauch noch den Hafen angucken, aber daran war nun nicht mehr zu denken. Stattdessen machten wir uns auf den Heimweg, zu unserem 7 Kilometer entfernten Hotel. Da dort gerade jemand von der Reiseleitung zu sehen war, versuchte Finn ihr klarzumachen, dass wir wegen nicht erbrachter Leistungen, durch den weiterhin angekündigten Tankwagenfahrerstreik, von der Reise zurücktreten wollen. Man erzählte ihm dann irgendwas von „höherer Gewalt“ und so. Wie es aussieht wird es auf einen Rechtstreit hinauslaufen. Aber das schreckt uns nicht, wir haben einen verdammt guten Rechtsanwalt!

Während Finn noch seine E-Mails schecken wollte, traf ich Danny auf dem Hotelflur. Als er sah, dass ich humpelte, ist er gleich in sein Zimmer gestürzt und hat ein kühlendes Gel für die Schwellung besorgt. Das Zeug, das er aus Australien mitgebracht hatte, hat wahre Wunder bewirkt.

Jetzt ist es fast Mitternacht und ich spüre kaum noch Schmerzen in meinem Fuß. Beim Abendessen saß  Danny an unserem Tisch und unterhielt uns mit einer Geschichte die er im Thailändischen Dschungel erlebte. Er hatte den Auftrag bekommen, die längste Giftschlange der Welt zu filmen, die beeindruckende Königskobra. Mit einheimischen Führern machte er sich auf den Weg in die Tiefen des Urwalds. Nachdem sie Stunden unterwegs waren, fand Danny eine größere Schlangenhaut, die er aber nicht genauer identifizieren konnte. Einer seiner Scouts meinte, da sie jetzt im Gebiet der Königskobras wären, sollten alle ausschwärmen und sich auf die Suche begeben. Es wurde abgemacht, dass, wer eine entsprechende Spur findet, laut rufen sollte. Unverständlicher Weise hatten sie aber nicht abgesprochen, wo sie sich bei erfolgloser Suche wieder treffen. So kam es, dass Danny sich nun allein in die Wildnis aufmachte – und sich heillos verlief! Auf sein Rufen erfolgte keine Antwort, zu weit waren alle auseinander gestrebt. Danny wurde ziemlich mulmig zumute und beschloss, um bessere Übersicht zu bekommen, sich zu einen in der Ferne gelegenen Hügel durchzuschlagen. Auf dem Weg dahin, stieß er wieder auf eine Schlangenspur. Und da er die Strapazen nicht umsonst gemacht haben wollte, folgte er ihr hinein ins Dickicht. Da, auf einmal, nur wenige Meter entfernt sah er sie. Unser Abenteurer zückte seine kleine, hochwertige JVC Kamera und begann zu filmen. Normalerweise sind die meisten Schlangen sehr scheu und verkrümeln sich wenn sie auf Menschen treffen, diese jedoch war äußerst angrifflustig und bewegte sich auf Danny zu. Er meinte, dass er voll im Filmrausch war und die Gefährlichkeit der Situation nicht erkannte. Als dann noch ein Zweig unter seinen Füßen krachte, bäumte die Schlange, die er auf gut zwei Meter Länge schätzte, sich auf und spie ihm aus der Entfernung ins Gesicht, er war an eine Speikobra geraten! Seine Haut fing sofort höllisch an zu brennen. Nur dem Umstand, dass das eine Auge durch die Kamera verdeckt war und er das andere geschlossen hielt, hatte er zu verdanken, dass er sein Augenlicht nicht verlor. Mit verätzter Gesichtshaut und unter qualvollen Schmerzen kämpfte er sich weiter in Richtung des Hügels. Doch dieser wollte einfach nicht näher kommen, außerdem fing es auch langsam an dunkel zu werden. Zu allem Überfluss kam noch ein Sturz, bei dem er so unglücklich auf sein Handgelenk fiel, dass er es kaum noch bewegen konnte. Bald machte er sich keine Hoffnung mehr den Hügel bei Tageslicht erreichen zu können. Seine Verzweiflung wuchs, und er fragte sich, ob der Film in seiner Kamera wohl jemals gesendet werden würde! Doch kurz bevor die Nacht anbrach, traf er auf eine kleine Lichtung mit einigen Hütten. Er hatte Glück, dass diese bewohnt waren und ihm geholfen werden konnte. Die Einheimischen wussten wie mit solchen Schlangenattacken umzugehen war und linderten bald seine Schmerzen.

Und nun kommt das tolle an der Geschichte: Eine seiner Pflegerinnen, namens Sumalee, was soviel wie Blume bedeutet, nahm sich besonders viel Zeit um sich um Danny zu kümmern und wich fortan nicht mehr von seiner Seite. Die beiden verliebten sich ineinander und zogen gemeinsam von dannen um den Rest ihres Lebens zusammen zu verbringen.

Das klappte zwar dann doch nicht, aber das ist eine andere Geschichte, wie Danny meinte, und außerdem sei es auch schon viel zu spät, denn schließlich wollen wir morgen Früh nach Saaba aufbrechen. Nur soviel sei noch gesagt, der Film den er von der Schlange machte, wurde ein Riesenerfolg, denn niemals vorher gelang es jemanden eine Speikobra auf diese eindrucksvolle Weise zu filmen!

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