Gefahr in faszinierender Tiefe

Heute haben wir endlich unseren ersten Tauchgang genießen können. Nach einer erholsamem Nacht, sind wir mit Danny und Blanche, die für uns einen alten Rover aufgetrieben hatte, nach Fort Bay, dem einzigen Hafen von Saba gefahren. Irgendwie wurde ich mit Blanche nicht richtig warm. Schon im Fugzeug haben wir kaum miteinander gesprochen, dafür scheint sich Finn prächtig mit ihr zu verstehen. Sie hat schon eine besondere Ausstrahlung. Das muss man ihr lassen. Trotzdem wirkt sie auf mich auch immer etwas arrogant. Aber ich habe mir nichts anmerken lassen. Als wir im Tauchboot von Sea Saba saßen, war sie auch gar nicht mehr wichtig. Meine Vorfreude auf das Tauchen ließ keine negativen Gedanken mehr zu. Außerdem hatte ich durch die vertrauenerweckende  Ausrüstung und die kompetente Einweisung, die wir vorher von unseren Tauchguide bekommen hatten, das Gefühl dass wir uns hier in guten Händen befanden. Mit der 14m Jacht „Giant Stride“ fuhren wir zu unserem ersten Tauchort, der nicht weit von der Küste entfernt war. Beim Diamond Rock ging es in die Tiefe. Unser aus Italien stammender Guide, mit dem Namen Luigi, schwamm voran und zeigte uns die schier umwerfende Pracht der hiesigen Unterwasserwelt, die in keiner Weise mit der Griechenlands zu vergleichen war. Nach wenigen Minuten schon, gleiteten wir an einem großen Schwarm orange schimmernder Fische vorbei. Weiter ging es über sagenhaft schöne Korallen und Schwämme. Dann macht mich Danny auf einen rötlich glänzenden Fisch aufmerksam, der, als er näher kam, ein Geräusch machte, dass sich anhörte wie Grunzen! Später erklärte er mir, dass es sich um einen Schweinsfisch gehandelt hatte, der seinem Namen alle Ehre machte.  Beeindruckend war auch die Begegnung mit den vielen schwarz-rot gestreiften Torpedofischen und einem Schwarm Barrakudas, die viel weniger gefährlich sind als viele denken. Es war einfach umwerfend, was für eine fantastische Dimension von vielfältigen bunten Leben sich uns dort unten eröffnete.

Ich war so begeistert von dem Geschehen, dass ich gar nicht merkte, wie weit ich mich von den anderen schon entfernt hatte. Weit und breit war nichts von ihnen zu sehen! Auch hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren und war in eine Tiefe vorgedrungen, in der ich vorher noch nie gewesen bin. Mein Finimeter zeigte an, dass mir nur noch wenig Luft zum Auftauchen bleiben würde. Es war mir bewusst, dass ich mir schon etwas Zeit nehmen müsste, um heil wieder an die Oberfläche zu gelangen. Allerdings war mir nicht klar, ob ich es wirklich schaffen würde. Schon einigermaßen bänglich schaute ich nach oben. Würde ich das noch schaffen? Auf einmal sah ich die Silhouette einer schwarzen Gestalt auf mich zukommen. Es war Blanche, die mich hier unten gefunden hatte. Sie hatte eine Ersatz-Sauerstoffflasche für mich dabei, die ich glücklich in Empfang nahm. Die anderen waren derweil schon längst aufgetaucht und hatten sich natürlich besorgt darüber gewundert wo ich abgeblieben bin. Deshalb machten sich der Guide und die sehr taucherfahrene Blanche an verschiedenen Stellen auf die Suche nach mir.

Kaum war ich wieder an Bord unserer Yacht, wurde mir gehörig und verständlicher Weise von Luigi der Kopf gewaschen, obwohl, wie ich fand, auch er etwas auf mich besser hätte aufpassen können. Aber schließlich bin ich selbst in erster Linie verantwortlich für mein Tun. Als ich anfing ein paar Tränen zu vergießen, war ich froh, dass Finn mich tröstend in seine Arme nahm. Alle hatten sich Sorgen um mich gemacht, das war ein sehr ambivalentes Gefühl für mich.

Blanche hatte ab jetzt bei mir selbstverständlich einen Stein im Brett. Nachdem Finn und ich den Nachmittag faulenzend am Strand verbrachten, lud ich Blanche am Abend zu einem Cocktail an der Hotelbar ein. Wir verstanden uns prima, und erzählten uns gegenseitig ein paar Geschichten aus unseren Leben. Sie ist in Boston aufgewachsen und hat eine herbe Kindheit hinter sich. Ihr Vater, den sie sehr geliebt hatte, war ein Gangsterboss gewesen, und kam bei einem Schusswechsel mit einem FPI-Beamten ums Leben, als sie zwölf war. Sie meint bis heute, dass ihm eine Falle gestellt wurde und man ihn regelrecht hingerichtet hätte. Weil ihre Mutter Alkoholikerin war, wurde sie in ein Heim gebracht. Trotzdem begann sie später ein Jura Studium, dass sie allerdings wegen der vielen sich elitär gebährenden Mitkommilitonen vorzeitig abbrach. Mit ausschlaggebend war dabei auch Danny, den sie während eines Vortrags an der Uni kennenlernte. So wie sie von ihm erzählte habe ich den Eindruck, dass sie in ihm, in den vier Jahren in denen sie jetzt zusammenarbeiten, eine Art Vaterersatz gefunden hat. Während ich mich mit Blanche den Abend über angeregt unterhalten habe, hat sich Finn frühzeitig ins Bett verkrümelt. Als ich in unser Hotelzimmer zurück kam, war er schon am Schlafen. Schade.

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